Biodiversität, Landwirtschaft und Ernährung

Laut IPCC [1] gehen gegenwärtig 23% der Treibhausgasemissionen auf Landwirtschaft, Forstwirtschaft und andere Landnutzung zurück. Werden darüber hinaus jegliche damit in Verbindung stehende Produktions-Inputs und Infrastrukturen sowie alle Aktivitäten wie die Verarbeitung, die Verteilung und der Transport des globalen Ernährungssystems berücksichtigt, beträgt der Anteil der Emissionen sogar bis zu 37%. Der Großteil dieser Emissionen wird durch die Tierhaltung verursacht.[2]

Damit die Emissionen aus der Lebensmittelproduktion deutlich sinken und die Landflächen zu natürlichen Treibhausgassenken werden, und um der Ausbeutung von Menschen, Tieren und der Umwelt im gegenwärtigen System etwas entgegenzusetzen, braucht es eine radikale Agrar- sowie Ernährungswende.

Eine konsequente Agrarwende muss verschiedene, miteinander verschränkte Themen abdecken. Hinsichtlich der direkten Klimawirkung ist der Rückbau der Tierproduktion der zentrale Ansatz zur Reduktion von Treibhausgasemissionen. Die dadurch freiwerdenden Weide- und Futtermittelflächen müssen nach klima- und umweltgerechten Prinzipien umgenutzt werden, insbesondere zur Wiedervernässung von Mooren und zur Aufforstung vormals gerodeter Flächen. Die Pflanzenproduktion muss konsequent nach agrarökologischen Gesichtspunkten ausgerichtet werden, mit Fokus auf Humusaufbau sowie den Ausbau der Biodiversität. Um den sozialen Missständen in der Landwirtschaft entgegenzuwirken, muss eine Orientierung an den Prinzipien der Ernährungssouveränität anstelle des Profits erfolgen.

Der Dreh- und Angelpunkt der Ernährungswende ist die drastische Verringerung des Konsums von Tierprodukten, die insgesamt für den größten Treibhausgas-Fußabdruck stehen. Außerdem ist der massive Ausbau der Quote ökologischer Lebensmittel, die Regionalisierung der Lieferketten sowie energieschonende Verarbeitungsarten von zentraler Bedeutung. Gleichzeitig muss die Ernährungswende auch als soziale Bestrebung verstanden werden, sodass gutes und gesundes Essen für alle zugänglich werden, unabhängig vom Geldbeutel.

Als Verbindungsglieder zwischen der Landwirtschaft auf der einen und der Ernährung auf der anderen Seite fungieren die lebensmittelverarbeitenden Betriebe, der Lebensmittelhandel und die Gastronomie. Hier braucht es eine Abkehr der Profitorientierung hin zu einer Orientierung an den Bedürfnissen der Bevölkerung bei strikter Ausrichtung auf den Klimaschutz und der Berücksichtigung der Interessen der Arbeiter*innen.

In Bezug auf Kassel ist klar: im Bereich der Landnutzung sind umfangreiche Maßnahmen erforderlich. Der Fokus der Maßnahmen muss jedoch auf der Ernährungswende liegen. Denn diese ist angesichts des sehr begrenzten Lebensmittel-Selbstversorgungsgrads der Stadt der zentrale Hebel. Da die Ernährungsweisen der Menschen im gegenwärtigen gesellschaftlichen Diskurs als sehr persönliche Angelegenheiten verstanden werden, kommt der Kommunalpolitik eine zentrale Rolle zu. Denn sie ist die Politik-Ebene, die den Menschen am nächsten ist. Es sind die städtischen Netzwerke und Nachbarschaften, in denen der breite Wandel hin zu einer klimafreundlichen Ernährung effektiv vorangetrieben werden kann. Für die Stadt Kassel bedeutet das ganz konkret:

1) Die Stadt Kassel muss dazu beitragen, dass die Stadtbevölkerung Ernährung als kollektive Angelegenheit verstehen und gemeinsam Verantwortung übernehmen kann.

2) Auch muss die Stadt Kassel ganz konkret als Vorbild in der Ernährungswende vorangehen, konkrete Angebote schaffen und Öffentlichkeitsarbeit betreiben.

3) Und nicht zuletzt muss die Stadt Kassel hinsichtlich der Verarbeitung und dem Handel von Lebensmitteln sowie der Gastronomie entsprechende Rahmenbedingungen schaffen und sich über die Stadtgrenzen hinaus für notwendige Schritte einsetzen.

  1. Deutsche IPCC-Koordinierungsstelle: Sonderbericht über Klimawandel und Landsysteme (SRCCL) - Hauptaussagen der Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger SPM (2019, abgerufen am 2.3.2020) https://www.de-ipcc.de/media/content/Hauptaussagen_SRCCL.pdf
  2. Steinfeld, Gerber, Wassenaar, Castel, Rosales, Haande (2006): Livestock’s Long Shadow: Environmental Issues and Options, Rom: Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO), S. 112