Reality Check: Stand der (Nicht-)Zielerreichung in Kassel

Dieser Text geht aus einer Arbeitsgruppe von KligK (Klimagerechtigkeit Kassel) hervor.


Im Jahr 2019 hat sich die Stadt Kassel zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2030 klimaneutral zu werden. Will heißen: Bis 2030 sollen in der Stadt keine Treibhausgasemissionen mehr ausgestoßen werden, im Sinne von „Netto Null“. Die Stadt selbst veröffentlicht bislang keine Informationen über den Status der Zielerreichung. Daher versuchen wir an dieser Stelle Transparenz zu schaffen, inwiefern die Stadt die nötigen Maßnahmen ergreift, um dieses selbstgesteckte Ziel erreichen.

Eine Herausforderung dabei ist, dass nicht einmal bekannt ist, wie hoch die Emissionen heute sind. Zuletzt hat die Stadt Kassel 2009 berechnet, und auch hinsichtlich der damaligen Berechnung gibt es Kritikpunkte. Daher versuchen wir es an dieser Stelle andersherum: Wir zeigen Bereiche auf, in denen bislang keine Anstrengungen unternommen werden, um Emissionen zu verringern. Und wir zeigen auf, dass alleine diese Emissionen ein Erreichen des Ziels der Klimaneutralität 2030 verhindern.

Anmerkung: Technisch gesehen wäre es möglich, Klimaneutralität herzustellen ganz ohne Emissionseinsparungen, und zwar über die Schaffung von Senken für Treibhausgase. Wir gehen jedoch im Folgenden davon aus, dass das Potential solcher Senken in Kassel sehr begrenzt ist und die allermeisten Emissionen darüber nicht kompensiert werden können und daher eingespart werden müssen. Außerdem muss unterschieden werden zwischen natürlichen CO2-Senken wie Wälder und Moore, die sehr viel Platz benötigen, v.a. wenn man sich klarmacht, dass aktuell in einem Jahr soviel fossile Energieträger verbraucht werden, wie die Natur in Tausenden von Jahren gebildet hat. Technische CO2-Senken sind normalerweise aufwändiger und teurer als die Vermeidung entsprechender CO2-Emissionen z.B. durch Einsatz regenerativer Energien, oder sie beseitigen nur einen Teil der Emissionen (Kohlenstoffabscheidung bei blauem bzw. türkisen Wasserstoff aus Erdgas). Für THG wie Methan oder Lachgas wiederum gibt es aufgrund der geringeren Konzentration keine sinnvollen Ansätze für Senken.

Fail-Bereich 1: Rüstung[Bearbeiten]

Einen guten Ausgangspunkt für diese Recherche bietet der Klimaschutzrat. In seiner Sitzung im Februar 2021 hat der Klimaschutzrat unter anderem folgendes Ziel mit Bezug auf die Kasseler Industrie beschlossen: „Die Transformation hin zu einer klimaneutralen Wirtschaft bei gleichzeitigem Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit.“

Anmerkung zu Klimaneutralität: Angesichts dieses Beschlusses lässt sich ein Kernproblem des Begriffs Klimaneutralität aufzeigen. Der Fokus des Diskurses wird hier auf die klimafreundliche Umstellung der Energienutzung in Produktionsprozessen gelegt, ohne eine Diskussion über eine umfassende Transformation der Wirtschaft zu eröffnen. Die Klimakrise ist schon in vollem Gange und betrifft zunächst vor allem Menschen im Globalen Süden. Den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit hier im Globalen Norden als Maßstab für Klimaschutzmaßnahmen zu setzen, zeugt also von einer sehr privilegierten Haltung. Um Klimagerechtigkeit zu erreichen ist es erforderlich sich einzugestehen, dass gerade die gegenwärtige Wettbewerbsfähigkeit im Globalen Norden das Problem ist.

Nun zurück zur Klimaneutralität 2030: Wenn hier das Wort „Wettbewerbsfähigkeit“ gesagt wird, dann ist damit zu einem großen Teil die Wettbewerbsfähigkeit der Rüstungsindustrie gemeint. Denn die Stadt Kassel ist einer der größten Rüstungsstandorte in der BRD. Mit Rheinmetall und Krauss-Maffei Wegmann stehen in unserer Stadt die beiden führenden deutschen Rüstungsunternehmen und produzieren Kriegsgeräte. Bislang verfolgt die Stadt keine konkreten Pläne, ja hat noch nicht einmal eine Absichtserklärung zur Reduktion geschweige denn Abschaffung der Rüstungsproduktion in Kassel. Solange die Rüstungsproduktion in Kassel 2030 noch auf demselben Niveau ist (Stichwort "Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit"), wird es keine Klimaneutralität geben. Es gibt zwar leider keine genauen Zahlen, wie viele Treibhausgasemissionen auf die Kasseler Rüstungsstandorte zurückzuführen sind. Klar ist aber, dass bei der Herstellung und auch beim Gebrauch von Militärflugzeugen, Panzern und Kriegsschiffen ein enormer Energieverbrauch besteht. Um das Ausmaß der Klimaschädlichkeit ein bisschen greifbarer zu machen, folgen Beispiele:

Ein Kampfpanzer des Typs Leopard 2, an denen Krauss-Maffei-Wegmann in Kassel arbeitet (Quelle), verbraucht im Gelände rund 530 Liter Diesel auf 100 km, der Schützenpanzer Marder liegt bei 400 Liter und der Minenräumpanzer Keiler bei stolzen 580 Liter.

Fail-Bereich 2: Baubranche[Bearbeiten]

Ein weiterer Bereich, in dem die bisherige Beschlusslage keine umfassenden THG-Einsparungen bedeuten, ist der Baubereich. Die Stadt Kassel hat hier bislang lediglich kleinteilige Maßnahmen auf den Weg gebracht. Und selbst wenn zusätzlich auch die vom Klimaschutzrat vorgeschlagenen Maßnahmen berücksichtigt werden, die erstmal nur unverbindliche Empfehlungen sind und noch nicht städtische Beschlusslage darstellen, enthalten diese keinen Plan zur Sektor-Klimaneutralität.

Fail-Bereich 3: Tierproduktkonsum[Bearbeiten]

Laut IPCC beträgt der Anteil der Treibhausgasemissionen aus dem globalen Ernährungssystem bis zu 37%. Die Ernährungswende ist daher ein essentieller Baustein für den Klimaschutz. Durch einen globalen Ernährungswandel hin zu einer pflanzenbasierten Ernährung können bis zu 70% der mit Ernährung zusammenhängenden Treibhausgasemissionen eingespart werden. Mit Bezug auf die Stadt Kassel ergibt sich bei einer pflanzenbasierten Ernährung ein Einsparpotential von 884 t CO2e pro Tag bzw. 322.502 t CO2e pro Jahr. Aktuell gibt es keine Pläne, diese Emissionsreduktionen umzusetzen.