Sanierungskampagne für 5% jährliche Tiefensanierung

Was ist das Problem?[Bearbeiten]

Ungefähr zwei Drittel des Energieverbrauches eines durchschnittlichen deutschen Privathaushalts entfallen auf die Heizenergie.

Was ist die Maßnahme?[Bearbeiten]

Wir fordern die Stadt Kassel daher auf, bis Ende 2020 eine stadtweite Kampagne zur energetischen Sanierung des Kasseler Wohn- und Nichtwohngebäudebestands zu starten.

Ziel[Bearbeiten]

  • schnelle Steigerung der Rate für energetische Sanierung vom hessischen Durchschnitt 1% (2016) bis spätestens 2023 auf jährlich 5% des Gebäudebestands, damit innerhalb der verbleibenden zehn Jahre bis 2030 der komplette Gebäudebestand weitestgehend fit wird für Klimaneutralität.
  • Insgesamt sollte der durchschnittliche Endenergieverbrauchs auf 65 kWh pro m² Wohnfläche halbiert werden (Deutschland-Durchschnitt 2017: 133 kWh/m²).
  • Bei Sanierungen von Bestandsgebäuden ist daher der EnEV-Energiestandard für Neubauten um nicht mehr als 20% zu überschreiten (~60 kWh/m² Wärmebedarf bei Standard-Häusern). Ausnahmen bestehen lediglich für diejenigen Denkmalschutzgebäude, bei denen eine solche Sanierung bauphysikalisch nicht möglich ist.

An wen richtet sich die Maßnahme?[Bearbeiten]

Stadt Kassel


Mit welchen Schritten und in welchem Zeitraum kann die Maßnahme konkret umgesetzt werden?[Bearbeiten]

Methoden[Bearbeiten]

  • Kombination von regulatorischen Instrumenten mit intensiver quartiersbezogener Beratung und finanzieller Förderung
  • regulatorisch sollen je nach Anteil unsanierter Bebauung jahresweise prioritäre Sanierungsgebiete (hochskaliert vom Beispiel Bettenhausen-Eichswald) ausgewiesen werden, sodass bis 2030 alle Quartiere saniert wurden
  • für diese Sanierungsgebiete sollen gleichzeitig alle Instrumente (z.B. Milieuschutzsatzungen und Mietobergrenzen) genutzt werden, um die Miethöhen festzuschreiben, um soziale Belastungen durch die Sanierungskampagne zu vermeiden
  • Sicherstellung der Einhaltung der EnEV-Pflichten (Dämmung oberste Geschossdecke, Heizungsleitungen, Austausch Ölheizungen) mittels Kontrollen der Schornsteinfeger nach kommunalen Schulungen

Mit klaren Kriterien den Erfolg sicherstellen[Bearbeiten]

  • über die attraktiven bundesweiten KfW-Förderprogramme hinaus sollen im Rahmen einer kommunalen finanziellen Förderung nur Baustoffe und Bauweisen gefördert werden, die im Bereich der grauen Energie einen geringen Ressourcenverbrauch und Treibhausgasemissionen mit sich bringen oder sogar CO2 einlagern (d.h. vor allem Holz und organische Faserdämmstoffe). Die finanzielle Förderung muss hoch genug sein, um sicherzustellen dass diese Bauweisen im Regelfall zum Einsatz kommen.
  • für die Förderung soll die Stadt in Zusammenarbeit mit der "Themenwerkstatt Gebäude und Quartiere" einen Katalog von förderfähigen Bauweisen und Baustoffen incl. der wichtigsten Ausführungsdetails als Vorgaben für Sanierungsplaner*innen und die Genehmigungspraxis im Bauamt aufstellen.
  • Schulung von Planer*innen und Handwerker*innen anhand dieses Katalogs mit einer städtischen Zertifizierung, die zur Ausführung geförderter Dämmmaßnahmen berechtigt.
  • Öffentlichkeitskampagne mit der Handwerkskammer zur Behebung des Fachkräftemangels im Sanierungshandwerk
  • zu Beginn einer Quartiers-Sanierung werden Wärmeverluste mit Wärmebild-Spaziergängen sichtbar gemacht
  • innerhalb der Sanierungsgebiete sollen Anlaufstellen für sanierungsinteressierte Hausbesitzer*innen ("Sanierungsbüros") geschaffen werden, wo diese sich zu Baustoffen, Bauweisen, Förderinstrumenten und organisatorischen Abläufen informieren können. Dazu sind auch öffentliche Infoabende und Handwerker*innenmessen anzubieten.
  • die Koordinierung von Einzelmaßnahmen und beteiligten Gewerken muss zur Effizienzsteigerung unterstützt werden. Beispielsweise können Zusammenschlüsse mehrere Eigentümer*innen unterstützt werden, so dass diese sich in einem professionellen Sanierungsfahrplan auf eine bestimmte Bauweise und eine getaktete zeitliche Abfolge der Einzelmaßnahmen einigen, um so durch serielle Sanierung schneller und kostengünstiger sanieren zu können. Ein Beispiel dafür ist die warmmietenneutrale Sanierung nach dem niederländischen Energiesprong-Prinzip (S. 42ff). Serielle Sanierungen sollten von den Städtischen Werken z.B. im Rahmen eines Contracting-Geschäftsmodells zentral geplant und umgesetzt werden (Beratung durch die dena).
  • förderfähig soll auch die Umstellung der Gebäudetechnik für Heizung und Warmwasser von fossilen Energiequellen auf klimaneutrale erneuerbare Energiequellen sein mit besonderem Fokus auf Nahwärmenetze mit Solarthermie und Großwärmepumpen. Auch dafür soll von der Stadt in Zusammenarbeit mit der "Themenwerkstatt Gebäude und Quartiere" ein Katalog der förderfähigen Wärmeerzeugungssysteme aufgestellt werden.
  • Die Wärmewende in den städtischen Gebieten ist am effizientesten über Wärmenetze möglich. Zuerst muss die Entwicklung hin zu einer erneuerbaren Fern- und Nahwärmeversorgung mit verringerten Vorlauftemperaturen sichergestellt werden. Dann sollte nach §16 EEWärmeG allen Anwohner*innen der Anschluss an das klimafreundliche Wärmenetz vorgeschrieben werden. Wo kein Wärmenetz verlegt ist, sollte per Satzung zumindest der Einbau neuer Öl- und Gasheizungen verboten werden.
  • Im Rahmen einer kommunalen Wärmeplanung mit einer Konzeptentwicklung für 100%-Erneuerbare-Wärmeversorgung müssen erneuerbare Wärme- und (auch industrielle) Abwärmepotenziale in Form eines Wärmekatasters erfasst werden.
  • Dem Klimaschutz wird in Abwägung mit dem Denkmalschutz Vorrang eingeräumt, soweit dies die kommunalen Spielräume zulassen.

Bei städtischen Gebäuden vorangehen[Bearbeiten]

  • Der energetische Standard von kommunalen Liegenschaften der Stadt Kassel soll gemäß den Vorgaben des Leitfadens „Energieeffiziente Landesgebäude – Hessisches Modell – August 2013“ verpflichtend festgelegt werden. Dies gilt mit sofortiger Wirkung sowohl für Neubauten als auch die Sanierung von Bestandsgebäuden (Leitfaden CO2 Projekt des hessisches Baumanagements 2013)
  • Für städtische Liegenschaften und Wohnungsbestand in ganz oder teilweise städtischem Eigentum (also inkl. bspw. Klinikum und GWG) sollen die oben genannten Förderkriterien verpflichtend sein. Für Landesliegenschaften sollten diese Kriterien ebenfalls vertraglich festgehalten werden.
  • aus Vorbildgründen sollen bei den städtischen Liegenschaften eine Sanierungsquote von 10% pro Jahr in den nächsten fünf Jahren erreicht werden. Dafür werden Klimaneutralitäts-Zielvereinbarungen mit den Eigenbetrieben geschlossen.

Neubau ökologisch begrenzen[Bearbeiten]

  • Neubau ist durch die graue Energie im Herstellungsprozess energieintensiver als Sanierung des Gebäudebestands
  • Es gibt keinen Mangel an Wohnraum, sondern eine ungerechte Verteilung des bestehenden Wohnraums. Die durchschnittliche Wohnfläche pro Person steigt auch in Kassel.
  • Deshalb soll Neubautätigkeit im Stadtgebiet so weit wie möglich minimiert werden. Neue Baugebiete sollen nicht mehr ausgewiesen werden.
  • Stattdessen kann auf das neue Göttinger Modell der Wohnraumagentur zur Verringerung des Wohnraumbedarfs zurückgegriffen werden: Mitwohnzentrale, Wohnen gegen Hilfe, Umbau, Umnutzungen, Verlagerung individuellen Wohnraums auf gemeinschaftliche Räume, Förderung Mehrgenerationenhäuser
  • Nicht zu vermeidender Neubau und Nachverdichtung soll (z.B. über die Änderung der Bebauungspläne oder über eine örtlichen Bausatzung nach §91 des hessischen Bauordnung) an die höchstmöglich zu erreichenden ökologischen Standards in (Holz-)Bauweise und zu erreichendem Energiestandard (Passivhaus) gebunden werden. Neubauten der Stadt und städtische Unternehmen müssen diese Standards erfüllen. Abriss soll wenn möglich vermieden werden.

Landes- und Bundesbaurecht im Sinne der Klimagerechtigkeit beeinflussen[Bearbeiten]

  • Über das kommunale Bau- und Planungsrecht hinaus soll die Stadt ihren Einfluss geltend machen auf das Landesbaurecht und die relevanten bundesweiten Verordnungen, um die Rahmenbedingungen für ressourcenschonendes und CO2-armes Bauen und Sanieren zu verbessern. Das betrifft vor allem die erweiterte Einsetzbarkeit von Holz und organischen Dämmstoffen im höhergeschossigen Wohnbau in der Hessischen Bauordnung und die Einbeziehung des Verbrauchs an grauer Energie in die Regelungen der EnEV (z.B. durch die Vorgabe eines Maximalwertes an grauer Energie pro m3 umbauten Raumes).

Schritte[Bearbeiten]

  • Bauamt: Erlass entsprechender Satzungen und Bebauungspläne (wo nötig, Bestätigung durch StaVO) (noch 2020 abzuschließen)
  • Beratung im Ausschuss für Umwelt & Energie
  • StaVO-Beschluss:
    • Einrichtung einer Sanierungsagentur aus städtischen und Landes-Mitteln für die Jahre 2021-2030
    • Initiierung einer großskaligen Sanierungskampagne mit den obigen Kriterien
  • Baudezernat: Ausschreiben von mind. fünf weiteren Stellen im Sanierungsmanagement

Kosten[Bearbeiten]

5% der Kasseler Gebäude bedeutet 1.550 Wohngebäude (sowie zusätzlich Nicht-Wohngebäude) pro Jahr. Bei durchschnittlich 60.000 € Sanierungskosten betragen die Sanierungskosten für die Wohngebäude rund 93 Millionen Euro jährlich. Durch sinkende Energiekosten amortisieren sich diese Kosten jedoch innerhalb von 10-25 Jahren.

Die Städtischen Werke und Handwerksbetriebe können nach Anfangsinvestitionen neue Geschäftsfelder erschließen.

Die städtische Sanierungskampagne kostet jährlich 500.000 € von 2021-2030. Die städtischen Fördermittel für ökologische Baustoffe/-weisen sollten weitere 2,5 Millionen € jährlich umfassen.

Durch die Anregung der lokalen und regionalen Wirtschaft sorgt die Sanierungskampagne vermutlich für einen Gewinn im kommunalen Haushalt. Höhere Gewerbesteuern und sinkende Sozialausgaben durch zusätzliche Arbeitsplätze gleichen die Förderkosten und die Kosten der Sanierungskampagne vermutlich aus.

Wie hoch ist das Klimaschutzpotenzial dieser Maßnahme einzuschätzen?[Bearbeiten]

Emissionseinsparungen[Bearbeiten]

Annahmen entlang bundesweiter Durchschnittswerte[Bearbeiten]

50 m² Wohnfläche pro Person (205.000 Einwohner*innen) 133 kWh Endenergieverbrauch/m² heute 65 kWh Endenergieverbrauch/m² 2030 250 g CO2/kWh Endenergie Wärme heute 100 g CO2/kWh Endenergie Wärme 2030

Status Quo Emissionen (Wohn-)Gebäudewärme[Bearbeiten]

50 m²/Person

  • 205.000 Personen
  • 133 kWh/m²
  • 250g CO2/kWh

≈ 340.000 Tonnen CO2

Emissionen Gebäudewärme 2030 mit Sanierungskampagne und sehr schnellem Ausbau fossilfreier Wärmenetze[Bearbeiten]

50 m²/Person

  • 205.000 Personen
  • 65 kWh/m²
  • 100 g CO2/kWh

≈ 65.000 Tonnen CO2

Emissionen Gebäudewärme 2030 mit Fortsetzung der aktuellen Politik (~1% Sanierungsrate, langsamer Ausbau fossilfreier Wärmenetze)[Bearbeiten]

Annahmen

  • 200 g CO2/kWh Endenergie Wärme
  • 110 kWh Endenergieverbrauch / m²
  • Anstieg Wohnfläche auf 55 m²/Person

55 m²/Person

* 205.000 Personen

* 110 kWh/m²

* 200 g CO2/kWh

≈ 250.000 Tonnen CO2

Pro Jahr werden durch die aktuelle Politik etwa 9.000 t CO2 jährlich zusätzlich eingespart. Die Sanierungskampagne und der sehr schnelle Ausbau fossilfreier Wärmenetze könnte die jährliche Verringerung auf etwa 27.500 Tonnen CO2 erhöhen. Im Budgetansatz ergibt sich dadurch eine Verringerung der kumulierten Emissionen um 830.000 Tonnen CO2 im Vergleich zur Aktuellen Politik allein bis 2030. (Graue Energie und dessen Emissionen wurden ebenso wie die Nichtwohngebäude in dieser exemplarischen Rechnung vernachlässigt).

Gibt es Bezüge zu anderen Maßnahmen?[Bearbeiten]

Welche Risiken hat diese Maßnahme (insbesondere bezüglich sozialer, globaler oder Generationengerechtigkeit)?[Bearbeiten]

Welche positiven Nebeneffekte bringt diese Maßnahme mit sich?[Bearbeiten]

Chancen[Bearbeiten]

  • Mit einer energetischen Sanierung verbessern sich auch die Wohnqualität.
  • Laufende Energiekosten sinken deutlich (regelmäßig Halbierung und mehr möglich)
  • Aufwertung des Handwerks
  • Wirtschaftsimpuls durch neue Geschäftsmodelle

Wie ist der aktuelle Stand dieser Maßnahme?[Bearbeiten]

Die Maßnahme wurde Mitte September 2020 in der Themenwerkstatt Gebäude & Quartiere durch kassel kohlefrei vorgestellt. Teile davon sollen in den nächsten 1-2 Sitzungen des Klimaschutzrates als Maßnahmenvorschläge eingebaut werden.